Chor und OrgelforumKategorieErfahrungsaustauschPneumatik
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Autor Thema: Pneumatik  (Gelesen 3052 mal)
Pastor Musicus
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Viva, viva la musica


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« am: 15. Juli 2008, 09:35:03 »

Hallo,
ich spiele seit einem knappen jahr Orgel. Ich habe auch schon mal an einer kleinen pneumantischen Orgel gespielt was auch gut ging, aber sonst nur an mechanischen. Jetzt soll ich über die Ferien schon an der großen Orgel unserer Kirche http://www.musik-in-der-friedenskirche-radebeul.de/orgel.html üben. Auch die ist pneumatisch übrigens unter Denkmalschutz). Aber bei ihr tritt das mir schon bekannte "pneumatische Problem" auf: Du drückst die Taste und der Ton kommt erst später. Das geht bei Stücken, die man schon im Blut hat und bei denen es richtig losgeht (z.B. Bach: Acht Kleine Präludien und Fugen, F-Dur [ich glaube, das ist Nummer 4]), bei langsamen Stücken und bei homophonen Stücken (z.B. Choralbuch) recht gut. Aber beim Üben einer Fuge z.B. ist es nicht so einfach, wenn man noch keine Übung hat.
Höngt das nun einfach vom Üben, Üben, Üben... ab oder gibt es da konkrete Tipps, wie man das meistern kann?

Pastor Musicus
(nebenbei: nach erstem Eindruck gefallen mi die mechanischen Trakturen besser. Man hat irgendwie auch noch das Gefühl selbst etwas zu bewegen...)
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Michael K
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« Antworten #1 am: 15. Juli 2008, 11:58:57 »

Ein Organist kontrolliert idealerweise An- und Ansprache jedes Tons über Gehör und Tastsinn zugleich. Das ist – jedenfalls bis jetzt – nur bei einer mechanischen Traktur möglich – immer unter der Voraussetzung, sie ist funktionssicher und leichtgängig gebaut.
Schon bei einer elektrischen Traktur, die pünktlich arbeitet (theoretisch möglich, aber in der Praxis weisen auch die meisten Elektriken eine Verzögerung auf), fehlt bereits die taktile Kontrolle.
Eine Pneumatik, die zwangsgläufig (je nach Bauweise als Zustrom-, Abstrom- oder Wechselwindpneumatik) unpünktlich an- und/oder abspricht, fällt auch die Hörkontrolle weitgehend weg. Sich auf eine Pneumatik „positiv“ einzustellen, erfordert ebenso viel Zeit (und ist für mich ebenso nervig) wie das Umstellen auf eine abstruse Pedal“norm“. „Anfahende“ Organisten neigen auf Pneumatik gern zum Schleppen, weil sie auf die Töne warten, statt sie „vorauszuhören“. Außerdem verliert das Spiel beim alleinigen Üben auf Pneumatik sehr schnell an Klarheit. Denn sie erfordert ein „Überlegato“ (das z.B. Helmut Walcha beim Bachspiel lehrte, damit Bachs Polyphonie auf Pneumatik „cantabel“ klingt), das beim Spiel auf Mechanik dann als „klebrig“ empfunden wird. Ein regelmäßiger und versierter Mechanik-Spieler empfindet sein Legatospiel auf Pneumatik zunächst als „Hackerei“.
Das wirst Du merken, wenn Du das kleine F-Dur-Präludium von JSB auf Mechanik sauber übst und es dann auf Pneumatik spielst – möglicherweise mit überengen, von Natur aus träge ansprechenden Streichern (Äoline etc.).
Natürlich kann man sich – entsprechende Erfahrung vorausgesetzt – auf eine Pneumatik einstellen. Umso wichtiger wird dann aber die Übemöglichkeit und regelmäßige Übepraxis an einem mechanischen Instrument, bzw. am häuslichen Klavier.
Ich selber hatte sieben Jahre lang ein großes pneumatisches Dienstinstrument – zum Glück mit einer erfreulich pünktlich und weitgehend zuverlässig arbeitenden Wechselwindpneumatik aus 1937 – quasi Pneumatik in High-End-Technologie, die viel Pflege erforderte. Bei jedem Wechsel der Großwetterlage mussten die Stellschrauben der sog. Auslaßblockierung an den peinlich genau und aus bestem Eichenholz gearbeiteten Wechselwind-Relais im Spieltisch – pro Manual 56 (mal 3 plus elektropneumatische „Gegenorgel“ im Chorraum) und beim Pedal 30 – auf optimalen An- und Ansprachepunkt justiert werden. (Die mächtigen, tragfähigen Prinzipale und die poetischen Flöten und Streicher dieser Zeilhuber-Orgel entschädigten mich in einer Zeit, in der sprödester Neo- und Pseudobarock up to date war, für den allwöchentlichen Pflegeaufwand.) Und an der zweiten Predigtstätte stand eine sehr ruppige Mechanik (mit Knackpunkten statt Druckpunkten), die zu allem Übel die damals neue BDO-Pedalnorm mit Pedal-dis unter Manual-dis0 hatte. Jeder sonntägliche „fliegende Wechsel“ trieb mir anfangs den Angstschweiß auf die Stirn. Geübt habe ich damals weitgehend beim kath. Kollegen.

LG
Michael
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« Antworten #2 am: 19. Juli 2008, 18:33:42 »

Vielen Dank für eure Antworten!
Habt ihr vielleicht auch ein paar Tipss zum Üben an einer Pneumatik für einen unerfahrenen Orgelspieler?  (in unserem Ort gibt es genügend kleine mechanische Orgeln, die auch sehr schön klingen, sodass ich immer noch genügend Orgeln habe, an denen ich dann "richig" üben kann, aber die pneumatische ist die größte und klingt am besten...)
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« Antworten #3 am: 21. Juli 2008, 16:13:37 »

Um sich auf das Spielgefühl einer Pneumatik einzustellen und ein Gefühl für An- und Absprache zu entwickeln, spiele ich gern mit Flöten 8’ und 4’ eine der 2-stimmigen Bach-Inventionen auf beiden Manualen in unterschiedlichen Tempi durch, erst sehr langsam, dann das Tempo anziehend. 
Ziel ist zunächst ein dichter, kompakter „Tonstrom“, dann probiere ich diverse Artikulationsweisen durch. Dadurch bekommt man ein Gefühl für die Tücken des Objektes, denn so ziemlich jede Pneumatik reagiert anders. Ich habe manche Orgel gespielt, bei der sogar die einzelnen Werke unterschiedliche An- und Absprachecharakteristiken hatten. Denn nicht immer hielten die Orgelbauer innerhalb eines Instrumentes ein System konsequent durch. Bei mancher Steinmeyerin der Jahrhundertwende finden sich z.B. im Hw. die (im Neuzustand) relativ flinken Taschenladen mit Abstromsystem, das Nebenmanual hat eine Einstrompneumatik. Erst am eigentlichen Windladenrelais wird auf Abstrom geschaltet. Das Pedal hat dann oft Kegelladen, wegen der üppigeren Windversorgung, die dann erkauft ist mit einer höheren Massenträgkeit der relativ großen Kegel und den erforderlichen Ventilgrößen bei den Hubventilen – bei den ohnehin etwas müde reagierenden Violonbässen muß man dann nur die Pedalstimme „vordenken“, während der Manualpart recht pünktlich kommt. Im Triospiel kann es dann passieren, daß ein Manual pünktlich an- und träge abspricht und beim anderen ist es genau umgekehrt. Das kann jemanden, der eine absolut pünktliche Mechanik gewöhnt ist, bei schnellen Zeitmaßen ganz schön „schmeißen“.
Um das mangelnde Druckpunkt-Gefühl vieler Pneumatiken zu kompensieren, hat mir bereits mein erster Orgellehrer beigebracht, sehr bestimmt bis zum Anschlagpunkt in die Tasten zu gehen. (Bei den alten Theoretikern heißt diese Technik „Schnellen“) Das führt natürlich zu dem harten Klavieranschlag, den man Organisten ja gern nachsagt.

Ach ja, und dann natürlich: Metronom, Metronom, Metronom - ich weiß: grausam. Aber da mußt Du durch ...

LG
Michael

« Letzte Änderung: 21. Juli 2008, 16:15:56 von Michael K » Moderator informieren   Gespeichert
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« Antworten #4 am: 21. Juli 2008, 22:13:38 »

Danke für deine Antwort!
Morgen bin ich wieder in der Kirche und kann alles gleich ausprobieren... Das Metronom vergesse ich auch nicht...
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« Antworten #5 am: 28. Juli 2008, 18:12:02 »

Eine Frage noch einmal (war erst im Urlaub, deshalb erst jetzt),
zum Thema Metronom: Soll man da so üben, dass auf Schlag die Finger reagieren oder (was ich bis jetzt noch gar nicht richtig geschafft habe) dass bei Schlag der Ton schon erklingt?
Ersteres hat mir bereits sehr gut geholfen!
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« Antworten #6 am: 29. Juli 2008, 08:41:51 »

Das ist eigentlich egal - mach es so, wie Du es am angenehmsten empfindest.
Sinn der Übung ist es, die Irritation der Verzögerung zu überwinden und sauber im Tempo zu bleiben. Wenn das "innere Metronom" zuverlässig zu ticken beginnt, kannst Du das äußere abschalten ...

Ich hatte als Student auf verzögernden Trakturen l(auch auf Elektropneumatik) ange das Problem, schneller zu werden, weil ich der Verzögerung vorbeugen wollte. Mein Lehrer lästerte immer: "Gib's auf, es gibt bestimmt einen Amerikaner, der es noch schneller kann."


LG
Michael
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« Antworten #7 am: 29. Juli 2008, 17:23:55 »

Vielen Dank für deine Antwort!
Ich habe es bis jetzt immer mal so mal so gemacht. Was besser hilft habe ich zwar nicht herausgefunden, aber auf jeden Fall wird es schon besser. Vielen Dank für die Hinweise!!!
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« Antworten #8 am: 26. September 2008, 09:53:04 »

Hallo,ich möchte auch etwas zu den Erfahrungen mit Pneumatik sagen.Leider haben manche Gemeinden,oder Gottseidank!! noch Orgeln aus der Zeit der Pneumatik (Romantik),die nicht dem Wahn der Erneuerung zum Opfer fielen.In den Jahren nach 1950 wurden viele pneumatische Orgeln totgeredet.Da waren Sachverständige oft nicht unschuldig.Meine Orgel,die ich fast 40 Jahre spielen durfte ist so ein Relikt,das 1954 mit sparsamen Mitteln umgebaut wurde (die Gemeinde hatte in 8 Jahren neue Glocken,den Orgelumbau und ein Gemeindehaus zu bezahlen),blieb aber in den wesentlichen Teilen erhalten und wird nun auf den Stand von 1903 mit den heutigen technischen Möglichkeiten der Pneumatik zurückgebaut(45/III,Ped).
Ich kann nicht verstehen,dass man damals oft von einer nicht mehr spielbaren Orgel sprach,obwohl die Sachverständigen und die Organisten genau wußten,dass es nur die Technik,Bälgchen,nicht die Windladen und nicht die Pfeifen waren,die zu ersetzen waren,natürlich mit entsprechender Ausreinigung und Intonation.Die Orgel wurden entfernt und durch oft nichtssagende Kompromissorgel ersetzt,die man nun wieder entfernt.Im Übrigen sollte nicht jeder Organist ,der an eine neue Stelle kommt,gleich eine neue Orgel fordern.Ich bin froh,dass meine Orgel,trotz eines damals nicht ganz befriedigenden Umbaus,nach heutigen Erkenntnissen aber aus einem gewissen Sparzwang heraus,nicht "erneuert" wurde.Windladen komplett und viele Register aus der alten Orgel blieben erhalten.Lediglich der Weg vom Spieltisch(mit neuem Spieltisch) wurde durch Elektrifizierumg verkürzt.
Nun wird die Orgel im kommenden Jahr wieder zurückgebaut-siehe bei Google:Walckerfreunde  e.V.-(siehe auch:Rückbau einer historischenOrgel)  und ich bin froh,dass ich sie durch kontinuierliche Wartung,den Austausch von Lederbälgchen, es waren viele Hunderte,
erhalten konnte und nun meine Nachfolger wieder das alte Klangbild zurückbekommen.Auch da mache ich in vielfältiger Weise mit.So lange sie noch gehen muß,tausche ich defekte Bälgchen aus,beseitige Heuler und Versager,die durch Bälgchenverscheiß nun gehäuft auftreten.Wir freuen uns auf die Restaurierung und das mir aus meiner Kindheit vertraute warme Klanggewand dieser Orgel.
Ich habe während meiner Tätigkeit an vielen unterschiedlichen Orgeln gespielt,von der  2-registrigen,bis zur 4-manualigen mechanischen und letztendlich meiner 3-manualigen elektropneumatischen Orgel.Ich habe mich immer versucht,auf das jeweilige Instrument einzustellen und jedes Instrument auf seine Art genossen.Nicht jede Gemeinde hat das Geld,eine neue teure Orgel zu bauen und das ist gut so,es wird auch noch Geld für andere wichtige Dinge in der Gemeinde gebraucht.
Also,mein Rat:stellt euch auf das jeweilige Instrument vorurteilslos ein,Ihr werdet viel schönes in der Abwechslung finden.
Gruß,Peter
« Letzte Änderung: 26. September 2008, 15:20:23 von Peter » Moderator informieren   Gespeichert
Andy
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« Antworten #9 am: 10. April 2009, 18:08:22 »

Hallo,
meine Erfahrung:  Pneumatik ist nur ein sache der Gewohnheit. Nach längeren Spiel "vergisst" man die Verzögerung, man wird sogar versuchen die grösere Verzögerung des Pedals auszugleichen. Unsere Orgel hatte auf jeden Manual eine andere Verzögerung, für Trios ungeeignet. Es ist jedoch richtig das ungeübte Organisten  meist immer schneller werden. Es sollte möglichst mit wenigen Registern geübt werden damit der Raumhall einen nicht noch aus dem Takt bringt.
Gruß
Andreas   
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